
Jacques Doucet war einer der berühmten Couturiers seiner Zeit. Eine Generation vor ihm hatte Charles Frederick Worth das Prestige des Modeschöpfers bereits so weit aufgewertet, dass er allgemein als Künstler galt. Doucet profitierte von diesem neuen Image, das Worth für seinen Berufsstand geschaffen hatte. Trotzdem gab es auch für Doucet unausgesprochene Barrieren, die verhinderten, dass der Mann, der die Damen der Gesellschaft einkleidete, von der adligen Gesellschaft voll und ganz akzeptiert wurde.
Doucets Kunstbegeisterung ließ ihn eine andere gesellschaftliche Rolle kreieren: Er wurde zum Paradebeispiel eines kunstinteressierten Unternehmers. Als Mäzen und Kunstliebhaber in großem Maßstab, als Schirmherr und geradezu als Katalysator befand er sich immer dort, wo neue Ideen entwickelt und ausgetauscht wurden. Nachdem er jahrelang französische Möbel und Gemälde des 18. Jahrhunderts gesammelt hatte, erschien ihm sein Haus in der Rue Spontini plötzlich wie ein Museum, ein Mausoleum vergangener Epochen. 1912 versteigerte M. Lair Dubreuil in einer in die Kunstgeschichte eingegangenen Auktion Doucets Sammlung. Doucet hatte beschlossen, stattdessen Avantgarde-Kunst zu sammeln oder auch direkt in Auftrag zu geben. Sammeln sollte nicht mehr museal, sondern eine kreative, abenteuerliche Tätigkeit sein. Er äußerte sogar die Überzeugung, dass nicht er, sondern vielmehr sein Vater seine Impressionisten hätte kaufen sollen, und das vor fünfzig Jahren. 1921 beauftragte er Louis Aragon und André Breton, eine Kunst und Literatur umfassende Bibliothek aufzubauen und eine Sammlung zeitgenössischer Kunst anzulegen. Seiner Unterstützung soll es auch zu verdanken sein, dass die surrealistische Bewegung sich formieren konnte.
1913 beauftragte er den Designer Paul Iribe mit der Gestaltung seines neuen Appartements in der Avenue du Bois Nr. 49. Iribe hatte viel zur Entwicklung des Art-deco-Stils beigetragen. Charakteristisch für seine Arbeiten waren die historischen Bezüge. Dieser Stil stellte eine Übergangsphase in Doucets Geschmack dar. Als er 1924 dem Architekten Paul Ruaud und den Designer Pierre Legrain mit dem Bau und der Einrichtung eines Studios in Neuilly beauftragte, hatte er bereits eine sehr viel individuellere Ästhetik entwickelt, die absolut modern und nur noch von der Avantgarde, der primitiven oder der alten orientalischen Kunst beeinflusst war.
Im Salon des Artistes Décorateurs von 1913 hatte er Eileen Grays Paneele "Om Mani Padme Hum" und die Paneele in tiefblauem Lack mit allegorischen Figuren und einer Perlmutt-Lotusblume entdeckt. Das buddhistische Mantra und das Symbol der Lotusblume beeindruckt den Sammler alter chinesischer Kunst sehr. In dem Vorraum seines Studios in Neuilly sollte eine Buddhafigur einen wichtigen Platz einnehmen - wie auch das Motiv der Lotusblume in seiner Beziehung zu Gray eine wichtige Rolle spielen sollte. Neugierig geworden durch die Exponate, hatte er sich unverzüglich in die Rue Bonaparte begeben, um Gray aufzusuchen. Sie zeigte ihm einen Wandschirm mit dem Titel "Le Destin" (das Schicksal), den sie gerade fertig stellte. Auf dessen Vorderseite steht vor einem dunkelorangeroten Hintergrund ein nackter Jüngling, der beobachtet, wie ein anderer eine verhüllte Gestalt fortträgt. Auf der Rückseite bilden schwungvolle Linien ein abstraktes Muster. Doucet kaufte den Wandschirm, den Gray für ihn mit "Gray 1914" signierte und datierte. Weitere Aufträge und wichtige Bekanntschaften sollten folgen.
Für Doucet entwarf Gray auch den "Lotus"-Tisch, den kleineren "Bilboquet"-Tisch und einen kleinen roten Lacktisch. Der "Lotus"-Tisch - eine geglückte Synthese aus Form und Ornamentik - nimmt das Motiv der Paneele aus dem Jahr 1913 wieder auf und gestaltet die vier Beine als die Stengel einer Lotuspflanze, deren Blüten eine viereckige Platte tragen. Das Weiß der Blüten bildet einen Kontrast zu dem tiefgrünen Lack. Durch an den Kanten angebrachte Schlaufen lassen sich grüne Seidenkordeln ziehen, an deren Ende eine von einer Bernsteinkugel beschwerte Quaste hängt.
Die beiden runden Platten des niedrigen "Bilboquet"-Tischs werden von vier Beinen getragen, die sich aus kleinen, klinkerähnlichen Blöcken zusammensetzen. Kritiker neigten häufig dazu, in ihnen einen Hinweis auf Grays späteres Interesse für Architektur zu sehen. Von zwei weiteren Objekten in einem kleinen, roten Lacktisch mit zwei Schubladen und einem Schrank für Preziositäten in rotem und blauem Lack, gibt es zwar Unterlagen, aber keine Abbildungen. Der kleine rote Lacktisch, schwarz verziert mit Silhouetten von Wagenlenkern, stand in der Eingangshalle. Außerdem hatte Doucet "verzierte Lackrahmen für seine van Goghs" bei ihr in Auftrag gegeben.
Nach ihrem Stilwandel äußerte sich Gray eher abfällig über Doucet, als könnte sie seine Vorliebe für kostbare, luxuriöse, symbolische Arbeiten nicht mehr gutheißen. Die Seidenquasten an dem "Lotus"-Tisch fand sie im nachhinein einfach grässlich und behauptete, das Bilboquet"-Motiv, ein Kugelbecher, nach dem der Tisch benannt worden war, stamme nicht von ihr. Man sollte solche Bemerkungen nicht zu ernst nehmen, vor allem nicht in Anbetracht, der Richtung, in die sich ihr Werk entwickelte - ihrer endgültigen Absage an jene nicht-funktionale Ästhetik.
Doucet kaufte Grays Arbeiten, weil er ihre Kreativität bewunderte. Die Ähnlichkeit der für Doucet, für andere oder sie selbst bestimmten Arbeiten widerspricht der Behauptung, er habe ihr einen bestimmten Stil aufgezwungen. Ihre Arbeiten hatten einen festen Platz innerhalb der komplexen, überaus kostbaren Arrangements in dem Studio St. James in Neuilly. Der Raum bestand aus Eingangshalle, Treppenhaus, Vorhalle, einem langen Studio und abschließend einem orientalischen Kabinett. Es diente als Rahmen für eine Sammlung, die Pablo Picassos "Les Demoiselles d'Avignon", Henri Rousseaus "Schlangebeschwörerin" und andere wichtige Werke von Constantin Brancusi, Georges Braque, Giorgio de Chirico, Max Ernst, Henri Matisse, Amadeo Modigliani etc. enthielt. In dem Studio kontrastierten Grays Möbel mit Avantgarde Werken. Der "Bilboquet"-Tisch mit einer Skulptur von Joseph Czaky stand gleich neuem Marcel Coards majestätischem Canapé; der "Lotus"-Tisch und der Wandschirm "Le Destin" spiegelten die Mystik des orientalischen Kabinetts auf ihre Weise wider.
In dem Salon von 1913 hatte neben Gray auch Emile-Jacques Ruhlmann zum ersten mal ausgestellt. Sein Meisterwerk war der berühmte "Cabinet d'en-coignure", ein Eckschrank mit stilisierten Blumenbuketts als Elfenbeineinlagen. Der Triumph Ruhlmanns 1925 auf der Pariser Ausstellung als "ébeniste Décorateur" und die Erfolge Grays als Protegé Doucets lassen sich kaum vergleichen. Ruhlmann wurde als Schöpfer eines Stils in der großen französischen Tradition gefeiert, während Grays Werk sehr viel hermetischer und unzugänglicher war, ein Werk, in dem Symbole und Metaphern das Design bestimmten und Inhalt, Form und Oberfläche eine große Bedeutung hatten.
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EINLEITUNG
IRLAND - PARIS
KÜNSTLERKARRIERE
JACQUES DOUCET
LACKKUNST
MADAME LÉVY
JEAN DÉSERT
SCHLAFZ.-BOUDOIR
NEUE RICHTUNGEN
"E-1027"
ZEIT UND STROH
ARTISTES MODERNES
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