E-1027
 
Badovici veranlasst Gray, ihre Idee umzusetzen, ein Haus zu entwerfen und auszugestalten - ein Haus, das richtungsweisend sein sollte für ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem vorwärtsstrebenden Geist der Moderne. Badovici fungierte als Mitarbeiter und investierte sein technisches Können in das Projekt, das sie von 1924 bis 1929 beanspruchte: das Haus "E-1027" in Roquebrune bei Monte Carlo.
 
E-1027Das Terrain, das Gray sich als Bauplatz ausgesucht hatte, war eine Herausforderung - steil, felsig, hochgelegen, aber mit einem schönen Blick aufs Mittelmeer. Ihr Entwurf nutzte diese Lage optimal. Das Erdgeschoss war L-förmig, der längere Teil blickte aufs Meer und beherbergte das große Schlafzimmer mit einer privaten, nach Osten weisenden Terrasse und einem großen, vielseitig nutzbaren Wohnraum mit einem Raum für Gäste, der sich nach Westen hin anschloss. Eine Wendeltreppe führte zu einem Schlafzimmer für Gäste. Ein flaches Dach, hervorspringende Terrassen und lange Geländer betonten die elegante horizontale Linienführung. Der Eindruck war der eines Ozeandampfers mit Aufbauten und Deckpromenade, der auf seinen Piloti-Stützen wie in einem Trockendeck lag. Das Gefühl von Weite und Helligkeit wurde durch die großen, vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster der dem Meer zugewandten Fassade verstärkt - Fenster, die sich wie die Ziehharmonikafalten eines Lackwandschirms auf Schienen zusammenschieben ließen. Bei den anderen Fenstern ließ sich der Einfall des Lichts durch verstellbare vertikale Jalousien regulieren. Das 1926 begonnene Projekt geht auf eine Idee aus dem Jahr 1924 zurück. 1929 wurde das Haus dann fertiggestellt und in einer Sondernummer der von Badovici herausgegebnen Zeitschrift L'Architecture Vivante als "E-1027 - Haus am Meer" vorgestellt.
 
Das Haus war nicht groß, aber Gray gestaltete die Räume so, dass sie hell, geräumig und optimistisch-modern erschienen. Ihr erfinderischer Geist erschloss sich eine neue Quelle der Inspiration, als sie die Möblierung und Inneneinrichtung plante. Sie war zwar immer noch detailbesessen, aber ihr Interesse galt nicht mehr den makellosen Lackarbeiten und auch nicht mehr der symbolischen Referenz in einem üppigen Dekor, sondern dem lebenden Organismus. Sie analysierte die Funktionen des Körpers und des Geistes - Sitzen, Entspannung, Lesen, Essen, Kommunizieren, Körperpflege, Ankleiden, Schlafen - und fand neue Lösungen für Möbel und Zubehör, die Masse, Flexibilität, Funktionalität, Zweckmäßigkeit - all das, was man später als "benutzerfreundlich" bezeichnete - einbezogen.
 
Gray entwarf für "E-1027" mehrere Möbelstücke aus Stahlrohr, das 1925 von Marcel Breuer zum erstenmal für die Möbelproduktion verwandt worden war und als das fortschrittlichste Material auf dem Markt galt. Sie benutzte es für die Gestelle von Sesseln und Tischen, u. a. für eine ausgeklügelte Serie von Tischen, sie sich wie eine Posaune ausziehen und auch in der Höhe verstellen ließen. Einer hatte eine mit einem Scharnier versehene hochklappbare und auf das Doppelte ihrer Größe ausziehbare Platte, ein anderer eine mit Kork belegte Fläche, die ideal für einen Esstisch war, da sie das Klappern von Geschirr und Silber dämpfte. Wenn eine größere Gruppe an einem kleinen Tisch speisen wollte, ließ sich am Ende des Tischs eine mit Kork bedeckte Platte herausziehen, und an dem hervorstehenden Chromgestell ließ sich eine Lampe festklemmen. Der einfallsreichste und später auch ihr berühmtester Tisch wurde nach dem Haus benannt: Konzipiert wurde der "E-1027" als Beistelltisch mit einem Fuß, der unter das Bett passte, und einer Platte, die sich wie ein Tablett über das Bett schieben ließ. Die runde, in der Höhe verstellbare Tischplatte wurde von einer vertikalen Chromgestell gestützt, das als Griff und Gleitrohr diente. Zeitgenössische Reproduktionen des "E-1027" sind um einiges schwerer als die Originale, die sehr leicht, standfest und einfach zu transportieren waren. Der eingebaute Griff tauchte auch bei einem einfachen, aber sehr praktischen Tisch mit einem runden Fuß und einer gleich großen, runden Platte auf, dessen diagonal verlaufende Metallrohre durch eine Querstange verbunden waren, die gleichzeitig als Griff diente.
 
Grays Stahlrohrsessel unterscheiden sich durch ihren Humor und ihrer Leichtigkeit von dem sehr viel ernsthafteren Bauhaus-Design. Während Breuer oder Mies van der Rohe perfekt proportionierte, kühl-elegante Stühle entwarfen, entlockten Grays Entwürfe ein amüsiertes Lächeln, begeistern aber gleichzeitig durch die Schönheit ihrer Form. Sie entwarf originelle, asymmetrische Stühle mit nur einer Armlehne, die unter der Bezeichnung "Nonkonformist-Stühle" liefen, eine Bezeichnung, die auch auf ihre eigensinnige, auf ihre Unabhängigkeit bedachte Schöpferin gepasst hätte. Und sie entwarf den "Bibendum"-Stuhl, einen tiefen, beinahe zu üppig gepolsterten Sessel, der seinen Namen der Ähnlichkeit mit dem wohlgerundeten Michelin-Männchen verdankt, an das die drei von einem Chromgestell gehaltenen Wülste des Sessels erinnern. Stahlrohr wurde von Gray auf eine sehr spielerische und phantasievolle Weise eingesetzt. Mit einer Kühnheit, die die als "High-Tech" bezeichneten Kreationen einer späteren Generation vorwegnahm, bediente sie sich der verschiedensten Industrieprodukte. Ein typisches Beispiel ist das perforierte Aluminiumblech, das sie für Wandschirme und bewegliche Regalelemente verwendete. Für die Vorderseite der Schränke benutzte sie durchsichtiges Zelluloid. Durch Details, die ihren Humor und ihre Warmherzigkeit verraten, vermied sie eine kalte, mechanistische Ästhetik. Mit Schablonen verfertigte Inschriften erklären bestimmte Funktionen von Schränken oder Regalen; gleichzeitig gab es aber auch spöttische Verbote wie "Défense de rire" (Lachen verboten) oder romantische Fragmente wie die "Invitation au voyage" (Einladung zu einer Reise) auf einer Seekarte an der Wand des großen Wohnraums. Auch Grays Teppiche trugen mit ihren witzigen Anspielungen dazu bei, dass die Wohnung bequemer und interessanter wurden - ein Beispiel ist der dunkelblaue "Centimétre"-Teppich, dessen stilisiertes Plimsoll-Maß an maritime Maschinenkunst erinnert.
 
Jeder Teil des Hauses enthielt eingebaute Regale, Ablagen, Leselampen, zusammenklappbare Tische, hochstellbare Lesepults, drehbare Beistelltischchen, Schränke und Stellraum, in den sich von Kissen bis zu Moskitonetzen alles unterbringen ließ. Ein Badezimmerspiegel verfügte über einen mit Scharnieren versehenen beweglichen Teil. Gray entwarf auch einen ebenso nützlichen wie verblüffenden Garderobenschrank, der die Funktion einer Zwischenwand hatte, die das Bad vom Flur trennte. Ein schmaler, rechteckiger Schrank aus Aluminium hatte asymmetrische Türen, schwenkbare, mit Kork verkleidete Fächer, Glasablagen und eine Innentür, die als Spiegel diente. Der Kork milderte den Effekt des Aluminiums. Er ist eines der vielen Beispiele dafür, wie individuell Gray mit Metall, dem Lieblingsmaterial der Moderne, umging. Einen zentralen Platz in dem Wohnraum nahm der "Transat"-Stuhl ein, der viele Aspekte von Grays kreativer Phantasie in sich vereint, er verbindet Holz harmonisch mit Metall, und seine Ästhetik steht für eine überzeugte, aber auch einfühlsame Interpretation des modernistischen Credos.
 
Von den Entwürfen für "E-1027" wurden einige für Jean Désert reproduziert, Gray verkaufte z. B. mehrere "Bibendum"-Sessel an Mme Tachard und Mme Mathieu Lévy, wenn auch erst nach Schließung des Ladens. Die meisten Möbel blieben jedoch Einzelstücke, Experimente und Teil der innenarchitektonischen Gesamtkonzeption des Hauses.
 
"E-1027" war ein Erfolg, weil es ein einheitliches Konzept aufwies und eine sinnvolle, kühne, charmant-verführerische sowie durch und durch moderne Lösung des Problems anbot, wie Wohnraum auszusehen hatte, der gleichzeitig funktional und inspirierend sein sollte.
 

 
 



EILEEN GRAY
 






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