Eine unabhängige Karriere
 
Sougawara, fotografiert von Eileen GrayObwohl ihr das Vermögen der Familie eine gewisse Sicherheit bot, brauchte Eileen Gray doch sehr viel Mut, um in einem fremden Land in der von Männern beherrschten Bastion des Designs Karriere zu machen. Ihr Entschluss, es mit der anspruchsvollen Lackkunst zu versuchen, basiert auf Eigeninitiative und einem glücklichen Zufall. In einem 1972 verfassten Brief an den Autor erklärt sie: "Es war purer Zufall: Soweit ich mich erinnere, entdeckte ich 1907 in der Slade School den Hinweis, dass im Atelier Charles in der Dean Street Lackwandschirme und andere Lackgegenstände repariert würden. Ich erinnere mich noch genau an die alten Lackwandschirme - sie hatten mich schon immer fasziniert. Charles war sehr nett und sagte, ich könnte bei ihnen aushelfen, was ich auch tat. Sie benutzten vorwiegend farbige, europäische Lacke, um Schirme zu reparieren, aber auch echten Lack aus China. Den nahm ich dann mit nach Paris, um dort damit zu arbeiten." Ihr Mentor in Paris war der Exiljapaner Sougawara. "Ich war glücklich", schrieb sie, "als Sougawara, der sich mit ein paar Freunden die Wohnung teilte, bei mir auftauchte. Wir beschlossen, eine Werkstatt einzurichten."
 
Eileen Gray mit Henry Savage Landor in ItalienUm 1900 wurden Möbel nicht mehr lackiert; die Lackkunst wurde nur noch von wenigen Restauratoren ausgeübt. In Frankreich waren organische Jugendstilformen modern. Aber der Jungendstil hielt sich nicht lange, und die angewandten Künste hatten eine Zeitlang kein richtiges Konzept. Um so beeindruckter waren die Franzosen von dem durchgängigen Stil, den die im Salon d'Automne von 1910 ausgestellten Arbeiten der Münchner Designer aufwiesen. Frankreich konnte dieser Synthese, die die Wiener Werksstätten oder der Deutsche Werkbund erreicht hatten, nichts entgegensetzen.
 
Die Société des Artistes Décorateurs wurde 1907 mit dem Ziel der Förderung der angewandten Künste gegründet. Seit 1907 organisierten diese Vereinigungen jährliche Ausstellungen, die richtungsweisend für neue Trends im Bereich der dekorativen Kunst oder des Kunsthandwerks wurden.
 
In dem von der Art nouveau hinterlassenen Vakuum bemühten sich die Designer um einen Stil, der die glanzvolle französische Tradition widerspiegelte, so wurde z. B. das 18. und frühe 19. Jahrhundert wiederbelebt. Das Ergebnis war ein gefälliges, aber im wesentlichen historisierendes Potpourri der unterschiedlichsten Motive - stilisierte, floreale Ornamentik, Blumenbuketts und Girlanden bildeten das Art-deco-Repertoire. Die 1925 organisierte Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes war zugleich Höhepunkt und Abgesang dieses Trends. Zelebriert wurde die großbürgerliche Vorliebe für konventionelle Motive und Qualitätsarbeit und für die Traditionen der königlichen Ebénisterie (Kunsttischlerei). Während die Deutschen Design auf eine praktische, zeitgemäße und demokratische Art angingen, setzten sich die Franzosen nur widerwillig mit der Frage industrieller Produktion für größere Märkte auseinander; vielmehr versteckten sie sich hinter den immer kunstvolleren und gleichzeitig auch immer langweiligeren Holzarbeiten eines altmodischen Eklektizismus. Vor diesem Hintergrund perfektionierte Gray ihre Kunst; sie brannte darauf, ihr Talent zu erproben, hatte aber keine Sympathie für diesen nach rückwärts gewandten Trend des gefälligen Stils.
 
Lack, dieser Werkstoff, der sie so faszinierte, ist ein Harz, das aus der Rinde ostasiatischer Bäume gewonnen wird. Nach Filterung erhält man eine zähe, durchsichtige Flüssigkeit, die langsam trocknet und eine harte, undurchlässige Oberfläche bildet: Entsprechend poliert erstrahlt sie in einem tiefen, prachtvollen Glanz. Gray trug sie auf Holz auf, füllte dessen feine Risse in der Maserung auf, schliff es ab, überzog es mit einer Schicht dünner Seide und trug einen Leimanstrich aus Reisgummi auf. Bei dem anschließenden Lackiervorgang mussten bis zu zwanzig oder noch mehr Schichten aufgetragen werden, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Jede Schicht musste mehrere Tage lang in einer feuchten Umgebung trocknen und dann mit einem Bimsstein abgerieben werden. Erst nach den letzten Schichten wurde die Farbe beigemischt. Gewöhnlich wollte Gray nur eine einfache, glatte Oberfläche erzielen und beschränkte sich auf die wenigen Farben die das Medium erlaubte, vor allem auf Schwarz, Orangerot und Brauntöne. Ihre Virtuosität beweisen die Großen Flächen ohne jeden Dekor, die sie so lange bearbeitete, bis sein einen perfekten, tiefen Glanz erhielten. Ähnlich erfolgreich waren ihre Experimente mit Oberflächenstrukturen; sie verwendete Metallplättchen, Perlmutteinlagen, schnitt Reliefs heraus oder ritzte Zeichnungen ein. Eileen Gray erweiterte die Palette der erhältlichen Farben und entwickelte ein tiefes Blau und leuchtende Grüntöne.
 
Eileen Gray mit mit Chéron in einem frühen Doppeldecker, 1913All das hinderte sie nicht, ihre ganz persönliche Bildersprache zu entwickeln. Sie umfasste enigmatische, figurative Allegorien, abstrakt wirkende symbolische Motive und gänzlich abstrakte graphische Formen. Der Übergang von der Amateurin zur Expertin war 1913 so weit gediehen, dass sie ihre Stücke auch ausstellen wollte. Der Salon des Artistes Décorateurs zeigte in diesem Jahr mehrere Arbeiten Grays, darunter eine Lackpaneele mit drei antiken Figuren; eine hält eine Lotusblüte aus Perlmutt in der Hand. Sie wurde auch in dem Märzheft der Zeitschrift Art et Décoration abgebildet.
 
Ihre Exponate im Salon von 1913 erregten die Aufmerksamkeit der einflussreichen Herzogin von Clermont-Tonnerre, in deren Salon Frauen wie Gertrude Stein und Natalie Barney verkehrten. Sie konnte Gray nützliche gesellschaftliche Kontakte vermitteln. 1922 veröffentlichte die Herzogin nach der langen Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg den ersten in Französisch verfassten Artikel über Eileen Gray in Lucien Vogels Les Feuillets d'Art. Wichtiger war jedoch, dass die Exponate auch den Modepapst und Kunstsammler Jacques Doucet, Grays ersten bedeutenden Mäzen, auf sie aufmerksam gemacht hatten.

 



EILEEN GRAY
 






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IRLAND - PARIS
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